Neulich hatte ich nach vier Monaten mal wieder eine Motorradfahrstunde, Frühling sei Dank. Ich war ganz hibbelig, weil ich vermutete, dass ich beim Fahren einfach irgendwann umfallen würde, idealerweise irgendwo in einen Haufen Glasscherben, die immer wieder mal aufm Wasen-Gelände herumlagen, weil sich ‘n paar Menschen manchmal einfach mal nicht im Griff haben.
Jürgen* begrüßte mich mit “Na Pumuckl!”, haut mir auf den Rücken, so dass mir fast mein Mittagessen von vor drei Stunden hochkommt. “Wie goht’s?” “Alles super, wenn Du mir nicht gleich den Magen aus meinem Abdomen rausprügelst.” “Scheiße. Han vergessa, dass Du so kloi und zierlisch bisch.”

Als wir auf dem Weg in den Keller zu den Motorradstellplätzen waren, frag ich ihn, wie’s so läuft, obwohl ich die Antwort prinzipiell schon wusste: denn es gibt immer einen Grund, sich zu beschweren. “Voll dr Scheiß hier. Hen se dr Robert kündigt, war ganz alloi mit dem Heinz, woisch. Als hätt i net scho gnuag zum doa.” Dafür hat er sich nun bei Audi beworben, als Testfahrer. Jürgen fuhr vor seiner Fahrlehrerkarriere nämlich mal Rennen, und eigentlich hätte er das auch weiter gerne gemacht. “Aber woisch, zu gfährlich, mei Frau wär mr aufs Dach gschdiega.” Hätte er sie nicht mit einem anderen im Bett erwischt, wäre er heute vielleicht reich und berühmt.

Ich schmiss mir meine Motorradklamotten über, die mir immer noch nicht wie angegossen passen. In diesen Momenten kann ich mir immer aussuchen, ob ich a) die Hose über die Hüfte ziehe und mit Hochwasserhose auf dem Zweirad sitze oder b) oben halb zu mache, damit es wenigstens einigermaßen anständig aussieht. Meistens nehme ich die sichere Variante, weil ich unglaublich weise bin und überhaupt nicht eitel. “I glaub, I be zu fett gworra für meine Klamodda”, stellt Jürgen derweil fest. “Abr eigentlich bin i net fett gworra, die Klamotta sind oifach nur gschrompft.”

Als wir Richtung Wasen fahren, sehen wir, wie die Fahrgeschäfte wieder aufgebaut werden. “Isch des bleede Fescht scho wieder. Roicht doch wenn mr sich oimal durchsauft und dann isch’s gut.” Auf dem Wasengelände trifft er einen anderen Fahrlehrer; sie beleidigen sich gegenseitig und überbieten sich mit Arbeitszeiten, dann gibt er mir das Funkdings, mit dem er mir laut ins Ohr brüllen kann. “So, und jetzt fährsch di erscht mal warm, gell.”

Tatsächlich schaffe ich es, anzufahren ohne abzuwürgen, hab mich total stolz und überlegen gefühlt. Allerdings habe ich das Hochschalten die ganzen Zeit mit dem Herunterschalten verwechselt, weshalb mir Jürgens in Ohr brüllt: “SCHALDA! Des hert sich ja o wie schlechdr Sex, Menschenskind!” Ich fühlte mich nicht mehr stolz und überlegen.
Nachdem ich zwei Stunden lang herumgecruist bin, sammelt Jürgen die Hütchen auf und fragt eine junge Mutter mit Kind, was denn hier los ist, weil ständig Autos auf dem Wasen-Gelände parken. “Konzert von Adel Tawil in der Porsche-Arena”, meint sie beim Vorbeigehen. “Adel wer?”, er guckt mich fragend an, während er die Hütchen in die Tanktasche stopft, um die ich heute leider noch nicht so präzise gefahren bin. “Adel Tawil”, sage ich. “Sänger bei Ich + Ich.” “Kenn i et, ko ja nix Gscheits sei.” Ich hätte es nicht besser ausdrücken können – schlimmer ist eigentlich nur Xavier Naidoo.

Beim Zurückfahren in die Stadt legt er sich mit einem CLA 45 AMG an (das habe ich mir gemerkt, das musste ich jetzt so mal festhalten), dreht ordentlich am Gas, während er neben ihm an der Ampel steht. “Jonger Soicher”, schimpft er, und legt einen Kickstart hin. Allerdings fiel ihm dabei wohl ein, dass ich mit drauf sitze und drosselte seine Geschwindigkeit immerhin auf sechzig durch den Wagenburgtunnel. Am Österreichischen Platz fährt er über eine durchgezogene Linie. “Des hosch jetzt abr net gsäha, gell. Des macht mr eigendlich edda.”

Nachdem wir in der Fahrschule ankamen und uns wieder in zivil geschmissen haben, definieren wir ein paar Termine, damit ich wieder reinkomme und möglichst bald selber auf der Straße fahren kann. Ich glaube, dafür brauche ich noch eine Weile, aber ich habe ja jemanden, der an mich glaubt. “Des krieg mr scho no”, sagt Jürgen und steigt in sein Fahrschulauto, um nach Hause zu fahren. “Bisch ja a Gscheitle. Also, gell, tschüssle und mach’s gut!”

Ich verabschiede mich, und strebe am Ghetto Netto vorbei gen Rotebühlplatz, um nach Hause zu fahren. Noch nicht wissend, dass mir der Hund heute die halbe Hand abbeißen würde. Hauptsache erst mal nicht vom Motorrad gefallen.

* Manchmal sage ich ich zu Jürgen tatsächlich Jürgen, obwohl er nicht so heißt, kann schön verwirrend, dieses anonyme Bloggen.

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haha den Gesichtsausdruck will ich sehen, wenn du ihn mit Jürgen ansprichst xD ich musste zum Glück keine Winterpausen in meinen Fahrstunden machen o_O das stell ich mir höchst ätzend vor! Aber schaffste :)

  

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Ich mag Deine Jürgen… äh Fahrschul-Geschichten ;-)

  

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Hihi,… Fahrlehrer sind immer sehr eigen XD

  

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Electrofairy: ich musste zum Glück keine Winterpausen in meinen Fahrstunden machen o_O das stell ich mir höchst ätzend vor! Aber schaffste :)

Geht eigentlich – aber es dauert halt schon ein bisschen, bis man wieder den alten Stand hat, und kostet natürlich auch dementsprechend.

Felix’ Welt: Ich mag Deine Jürgen… äh Fahrschul-Geschichten ;-)

Danke!

Christiane: Hihi,… Fahrlehrer sind immer sehr eigen XD

Das stimmt prinzipiell. :liaf

  

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