Vor ein paar Jahren lebte ich nach einem ganz einfachen Schema. Dinge passierten, und das war eben so. Und ich meine nicht diese persönlichen Dinge, sondern Dinge, die uns alle angehen, die aber nicht an alle herankommen, weil wir das nicht immer zulassen.

Wäre ich heute wesentlich jünger, wäre mir die NSA-Affäre egal, wahrscheinlich wüsste ich nicht mal, was die NSA ist. Dafür wüsste ich zwar von Massentierhaltungen, aber ich würde mir wahrscheinlich sagen: nee, Fleisch schmeckt mir viel zu gut. Ich würde nur wählen gehen, weil es gerade in meinen Tagesplan passt, oder weil eh irgendwer hingeht und ich denjenigen begleite. Wahrscheinlich würde es mich auch nicht stören, dass andere um mich mit Stammtischparolen schwängen, vielleicht würde ich noch darüber lachen, über die, die in der Politik wären aber doch eh keinen Plan hätten.

Klar, habe ich mich damals einfach nicht für gewisse Dinge interessiert. Politik fand ich langweilig und kompliziert und meine Welt funktionierte auch, obwohl Menschen in der dritten Welt hungerten oder irgendwo Krieg herrschte. Ich schätze, meine Einstellung rührte zum einen Teil auf Basis meines Desinteresses – gemischt mit etwas Ignoranz.
Zum anderen und größeren Teil daher, dass das eben Dinge sind, die meine Laune verschlechterten und dementsprechend ausgeblendet wurden – weil sich damit auseinanderzusetzen die Folge hatte, dass mich das belastete: hallo Weltschmerz. Hallo, ich bin Jenny, und ja, ich bin ein empathischer Mensch, und meine Gefühle werden sehr stark von meiner Umwelt beeinflusst. (Hallo, Jenny!) Das lässt sich schwer steuern, weil man diese Eigenschaft nicht einfach deaktivieren kann. Das klingt vielleicht alles ein bisschen pathetisch, ist aber so ziemlich treffend beschrieben.
Dementsprechend waren nicht nur die Themen ansich schwer verdaulich. Auch die Tatsache, dass ich – natürlich – nicht nur Zuspruch bekam, für Dinge, die ich tat und andere sich über meine “weltverbessernden Ziele” in negativer Weise äußerten (auf welche Art auch immer), machte es nicht einfacher. Man – oder eben ich – nimmt sich ja vieles zu Herzen.

Und man muss sagen, viele Leute verstehen es in dieser Hinsicht sehr gut, etwas schlecht zu reden, das passiert überwiegend völlig automatisch. Dabei geht es nicht mal um Elementares, sondern beginnt schon mit den kleinen Dingen des Lebens. Ziele, die man sich selber gesteckt hat. Dabei ist es ja mal völlig egal, um was es geht: sich gesünder zu ernähren, für Organisationen zu spenden, mehr Bio zu kaufen, kein Fleisch zu essen, lieber Stofftaschen als Plastikbeutel zu benutzen oder einfach von WhatsApp zu Threema zu wechseln.
Und ja! Auch wenn Menschen lediglich auf Plastiktüten verzichten, ist das für viele ein Grund, das irgendwie zu kritisieren. Schließlich geht’s nicht nur um Plastiktüten, sondern um die Symbolik des Tuns.

Eine solche, ich sag mal, Veränderung oder teilweise auch Weiterentwicklung (je nachdem, wie man es sehen will) der anderen, kann man für sich deshalb natürlich negativ auslegen. Erstens, weil man sich damit auseinandersetzen muss, vielleicht erkennt, dass es so gut ist, aber keine Lust hat, sich umzustellen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Zweitens, weil man sich möglicherweise fühlt, als würden sich andere höher stellen, indem sie sich plötzlich Gedanken machen und auch noch etwas an sich ändern. Und ich bleibe zurück. Dass darin vermutlich gar keine Bewertung steckt – diese eher reininterpretiert wird – sieht man eventuell gar nicht.

Manche wissen folglich gar nicht, wie sie damit umgehen sollen. Und anstatt dazu einfach gar nichts zu sagen, wenn man dazu nichts Produktives beitragen kann, macht man halt das, was am einfachsten ist: man fühlt sich angegriffen und schießt zurück.

Die harmloseste Form davon ist vermutlich, seine Witzchen zu machen. Meistens will man damit irgendwie kenntlich machen, dass man die Sachlage zwar versteht, aber parallel subtil vermitteln, dass man doch einen anderen Standpunkt hat.
Dann gibt’s die, die versuchen, ein bisschen korrekter und vermittelnd zu wirken. Eigentlich wollen sie Dir direkt sagen, dass sie das alles scheiße finden, tun es aber lediglich durch die Blume. Das sind dann die, deren Sätze mit “Ich kann das verstehen” beginnen und dann mit einem “aber” fortführen. Sie verstehen somit im Grunde nichts, auch wenn sie tun, als wären sie unglaublich verständnisvoll.
Letztlich gibt es noch die, die ganz offensichtlich alles runter machen, und einem erklären, dass das ja überhaupt nicht konsequent sei, was man da tue. Wenn ich auf Plastikbeutel verzichte, wäre es nicht logisch, auch auf meine Zahnbürste zu verzichten? Ist doch auch Plastik. So what, wenn nicht konsequent, wofür dann das Ganze? – Als wären kleine Schritte nicht schon konsequenter, als einfach mal konsequent gar nichts zu tun.

Sowieso, nichts tun – das ist das Stichwort – das können viele nämlich gut. Und darin ist im Grunde auch erst mal nichts Schlechtes, wenn man einfach lebt, wie man leben will, ohne was ändern zu wollen.
Aber sich über Gott, die Welt und andere auszulassen, während man auf einer Stelle das Gras tottrampelt, weil man es nicht schafft einen Schritt nach vorne zu gehen und selbst etwas zu tun – und dabei die anderen in einem Atemzug als Gutmenschen betiteln, finde ich grotesk.

Ich frage mich oft, wieso man für alles, was man macht, Argumente finden soll. Sollte man nicht eher Argumente dafür finden, warum man etwas nicht tut?

Klar, wer nicht will oder festgefahren ist, der ist halt so. Ich könnte genau so gut eine halbe Stunde die Parkuhr volllabern, das hätte den gleichen Effekt.
Ich habe für mich deshalb beschlossen, hinzusehen und einzusehen, dass die Welt leider nicht so toll ist, wie sie es manchmal vorgibt zu sein. Und damit meine ich nicht unbedingt, Demos zu besuchen, Diskussionen zu starten oder Überzeugungsarbeit zu leisten, sondern nach meinen eigenen Maßstäben zu leben. Und nein, man muss nicht ständig die Missstände dieser Welt in den Fokus schieben, sondern einfach nur bewusster leben. Ob das andere nun gut oder schlecht finden, ist mir inzwischen nicht mehr so wichtig, ich muss keinen überzeugen, außer, er will überzeugt werden.

Fakt ist jedenfalls, dass die Welt sich nicht durch die Menschen zum Besseren verändern lässt, die in keiner noch so kleinen Aktion einen Fortschritt sehen. Und ja, Missionare – oder Leute, die mir sagen, was ich tun soll – mag ich auch nicht besonders. Allerdings muss man ihnen zu Gute halten, dass sich vieles in dieser Welt durch ihre Hartnäckigkeit positiver und fortschrittlicher gestalten ließ, auch wenn ich kein sonderlicher Fan von der Schwarz-Weiß-Denke bin.

Dinge sind nämlich nicht immer komplett superdupi oder absoluter Mist. Jemand, der das erkennt und die Welt in verschiedene Grautöne abstufen kann, lebt viel bewusster – und hat dadurch schon viel mehr gewonnen.

flattr this!


So schauts aus. Ich finde Menschen furchtbar die mit einer “das kann man ja eh nicht ändern” Einstellung durchs Leben gehen. Es ist schon viel erreicht wenn jeder einzelne nur ein bißchen was tut, nur ein wenig bewusster lebt, sich vielleicht mal klar darüber wird das unser hießiges Leben für die Restwelt einen hohen Preis hat und das wir nicht ewig so weitermachen können.

  

zitieren

  


Sehr gut geschrieben!

  

zitieren

  


Wirklich sehr schöner Beitrag! Ich kann deine Ambivalenz beim Missionarischen nachvollziehen. Aber letztlich brauchen die meisten Veränderungen eben Masse und wenn nicht die Masse z.B. auf Eier aus Käfighaltung verzichtet, wird es die eben weiter geben.

Interessant finde ich aber auch, dass meine persönliche Entwicklung eher ein bisschen in die andere Richtung geht. Früher war ich deutlich aktiver – nicht zuletzt auch im Missionieren. Im Laufe der Zeit kostet das aber sehr viel Energie. Denn man wird ja dann einerseits für die eigene Meinung angegriffen und dann eben noch zusätzlich für die Missionierung. Wobei die eben wie du schon sagst, viel öfter unterstellt wird als man sie aktiv betreibt.

Jenny: Ich frage mich oft, wieso man für alles, was man macht, Argumente finden soll. Sollte man nicht eher Argumente dafür finden, warum man etwas nicht tut?

Hm, ich würde ja sagen, es ist Ansichtssache, wer von den beiden eigentlich der ist, der etwas tut und wer der ist, der nichts tut. Der, der Eier aus Käfighaltung kauft – um mal bei dem Beispiel zu bleiben – tut ja etwas. Er beutet Hühner aus, um etwas Geld zu sparen. Wär ja eigentlich gut, wenn der sich dafür rechtfertigen müsste.

  

zitieren

  


Henning: Interessant finde ich aber auch, dass meine persönliche Entwicklung eher ein bisschen in die andere Richtung geht. Früher war ich deutlich aktiver – nicht zuletzt auch im Missionieren. Im Laufe der Zeit kostet das aber sehr viel Energie.

Dann kommen wir wohl aus unterschiedlichen Richtungen und treffen uns in der Mitte. :)

Henning: Hm, ich würde ja sagen, es ist Ansichtssache, wer von den beiden eigentlich der ist, der etwas tut und wer der ist, der nichts tut. Der, der Eier aus Käfighaltung kauft – um mal bei dem Beispiel zu bleiben – tut ja etwas. Er beutet Hühner aus, um etwas Geld zu sparen. Wär ja eigentlich gut, wenn der sich dafür rechtfertigen müsste.

Man könnte ihn auch so auslegen, dass derjenige, der keine Freilandeier kauft, nichts gegen Käfighaltung tut (oder noch weniger als andere eben) – den Satz würde ich daher nicht unbedingt aus dem Kontext greifen, das wäre Wortklauberei. Ich denke, im Sinne des Artikels versteht man den Satz und was ich damit eigentlich sagen möchte.

  

zitieren

  


@Jenny
War schon klar, wie du es meintest. Mir ging es darum, dass du dich für dieses “etwas tun” rechtfertigen “musst”, weil es eben so gesehen wird, dass du etwas tust – statt der anderen Person. Es ist eben das Ausbrechen vom Standard, das als “etwas tun” gesehen wird. Obwohl der andere eigentlich mehr tut, weil er eben anderen (in dem Fall Hühnern) etwas anTUT.

Würde man (die Masse) sich das mehr ins Bewusstsein rufen, wärst du bestimmt nicht die, die sich rechtfertigen muss, sondern die andere Person.

Ich find’s jedenfalls super, wenn jemand was tut. Wie wohl die meisten bin ich selbst bei weitem nicht konsequent, um so mehr bewundere ich die, die deutlich mehr tun als ich. Wichtig ist halt vor allem irgendwo mal anzufangen und nicht vor lauter “ich kann eh nicht 100 % konsequent sein” eben konsequent die schlechteste Alternative zu wählen.

  

zitieren

  


Henning: Ich find’s jedenfalls super, wenn jemand was tut. Wie wohl die meisten bin ich selbst bei weitem nicht konsequent, um so mehr bewundere ich die, die deutlich mehr tun als ich. Wichtig ist halt vor allem irgendwo mal anzufangen und nicht vor lauter “ich kann eh nicht 100 % konsequent sein” eben konsequent die schlechteste Alternative zu wählen.

Henning: Würde man (die Masse) sich das mehr ins Bewusstsein rufen, wärst du bestimmt nicht die, die sich rechtfertigen muss, sondern die andere Person.

Ach so. Dann sind wir uns ja einig. :) Schön zusammengefasst.

  

zitieren

  


Sehr schöner Text! =) Genauso ist es, die Leute fühlen sich angegriffen, weil sie eigentlich wissen, dass sie Käfigeier nicht kaufen wollen (um mal bei dem Beispiel zu bleiben), es aber trotzdem tun und die Hintergründe nicht wissen wollen. Wenn dann jemand anfängt, was anders zu machen, der noch dazu ähnlich viel Geld zur Verfügung hat, fühlen sie sich angegriffen, sind aber eigentlich nur mit sich selbst am kämpfen. Ok, du hast es in dem Text schöner ausgedrückt. =) =) =) =)
Aus vielen kleinen Sachen entsteht halt auch was großes und einfach mal anfangen hilft =) Ich habe auch mit den Plastiktüten gestartet und inzwischen ist da noch einiges hinzugekommen. =) =) =) =) =)

  

zitieren

  


Toller Text!
Ich finde es auch schlimm, dass so viele Leute immer alles in Frage stellen müssen. Ob man mit seinem Handeln nicht total inkonsequent ist oder dass man ja sowieso nichts ändern kann. Ich bin auch der Meinung, dass es schon hilft, wenn man einfach bewusster lebt und konsumiert.
Man kann ja mit den Plastiktüten anfangen und dann immer weiter gucken, wo man noch Plastikverpackungen vermeiden kann, usw. Und wenn man nicht weitergeht, ist das trotzdem immernoch besser als gar nichts zu tun.

  

zitieren

  


Man darf “in Frage stellen” mit “nachfragen” nicht verwechseln. Ich halte zwar von vielem nicht viel, frag aber bei Leuten nach, die das machen. Weil es mich interessiert und ich auch gerne die andere Sichtweise verinnerlichen möchte.

Sonst gebe ich Patrizia recht. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen und Schritt für Schritt findet man seine Linie, der man treu bleiben möchte.

Ich erarbeite mir gerade eine neue Ernährung: Stress- und Langeweileessen vermeiden, unnötigen Zucker vermeiden, ect. Aber ich mach das Punkt für Punkt.

Man kann bei manchen Dingen nicht gleich auf 100% sein, da man sich erstmal das Wissen und so erarbeiten muss. In der heutigen Zeit gibt es so viele Informationen, so viele verschiedene Möglichkeiten, so viele verschiedene Produkte, dass man sich da langsam reinarbeitet, Fehlschläge kassiert und und und….

Nur wissen das wohl viele nicht.

  

zitieren

  



Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


Bloggen seit 2004 | Theme „Wohnzimmer“ by www.quartier-vier.de