M. kam neu zu uns in die neunte Klasse. Sie war groß, etwas hager und blass, hatte kurzes Haar und wirkte von weitem eher wie Junge, der die Pubertät noch nicht richtig hinter sich hatte. Jeden Tag zur großen Pause holte sie sich ein belegtes Brötchen mit drei dünnen Scheiben und Gurke, wobei sie die Gurke immer vom Brot nahm.
M. war eigentlich eher wie ein Geist, sie war zwar da, aber irgendwie auch nicht, und das Einzige, das ich wusste, war, dass sie ein Sport-Ass war und wegen Mathe die Klasse wiederholen musste. Unsere Klassenlehrerin, stets bemüht, alles im Lot zu halten, machte sich große Sorgen um M., und immer wieder sah man die beiden miteinander reden, über irgendwas, aber eigentlich interessierte es keinen.

Wir kamen ins Gespräch, und ich weiß nicht, ob es eher aus Mitleid war, weil sie nie wirklich in die Gemeinschaft eingegliedert wurde, oder aus echtem Interesse – ich verbrachte einige große Pausen mit ihr und dem belegten Brötchen, das sie nie aufaß. Es stellte sich heraus, dass M. im Grunde so war, wie wir alle auch, obwohl sie erwachsener als alle wirkte, und das lag nicht unbedingt an dem Jahr, das sie uns voraus hatte.

M. wohnte zwei Ortschaften entfernt von mir, und nach einiger Zeit besuchte ich sie ab und an. Wir verbrachten Stunden in ihrem Zimmer, hörten Musik, aßen zu Mittag und sahen uns Arabella an. Bei M. gab es immer etwas in der Tiefkühltruhe, das sich essen ließ, und jede Menge Eistee. Wir machten uns Kartoffelpuffer mit Apfelmus, nach einem, sagte sie, habe sie keinen Hunger mehr, und ich aß ihre, trank den Eistee leer, sie Wasser.
Als ich das erste Mal bei ihr übernachtete, redeten wir über ihren Freund und ihre Familie, in erster Linie ihre Mutter, weil sie sonst keinen hatte und mit der sie die Wohnung teilte. Sie fragte mich, ob sie mir ihre Bilder zeigen könnte, und ich bejahte – und so überreichte sie mir ihre gezeichneten Bilder, gemischt mit hingekritzelten Worten, die nichts sonst mit ihrer Handschrift gemein hatten. Die Thematik war eine schwere, bekannte, alltägliche und doch schreckliche – sie sprang mir aus allen Fasern des Papiers entgegen. Eine Art Ohnmacht überkam mich, weil ich nicht wusste, wie man damit umgeht, wenn einer einem ganz subtil seine persönliche Geschichte mitteilte, die so intim war und erklärte, warum ein Mensch war, wie er war.

Jeder hat so seine Methode, den Schmerz zu verdrängen, wenn auch nur kurzristig, weil, wie wir alle wissen oder mal im Ratgeber gelesen haben: man kann den Schmerz zwar kurzzeitig verdrängen oder ausschalten, aber nie ganz auslöschen, wenn man die Ursache des Schmerzes nicht bekämpft. M. trank nicht, sie katapultierte sich auch gedanklich nicht mit Mittelchen in sonstige Sphären – M. aß einfach nichts mehr. An diesem Tag, an dem ich all die kleinen Details zu einem großen Puzzle zusammensetzen konnte, verlor ich einen Teil meiner kindlichen Naivität.

Vielleicht versucht man als Außenstehender, Menschen aus ihrem eigenen Drama zu ziehen. Ich wusste schon damals, dass alles Überreden oder Zureden nichts bringen würde, wenn der Betroffene selbst nicht die Initiative ergreifen würde. Das klingt für eine Fünfzehnjährige vielleicht sehr weise, trotz allem wusste ich sonst nicht, wie ich mit der Geschichte umgehen sollte. M. stand ständig unter Stress, zu verbergen, was sie eigentlich war. Und immer, wenn andere auf ihr Gewicht zu sprechen kamen, machte M. mir ein Zeichen, nichts zu diesem Thema zu sagen. Ich hätte aber auch so nichts dazu gesagt.

Jemand erzählte mir mal, dass er sich von Menschen, die “einen Schaden haben”, völlig distanziert, weil er nicht in ihre depressive Welt gezogen werden wolle. Ich fand das ziemlich egoistisch, aber wenn ich so zurückdenke, weiß ich vielleicht, was er meinte. Als es klar wurde, dass ich die Klasse nochmals wiederholen musste, ließ der Kontakt zu M. nach, vielleicht, weil wir uns beide in verschiedenen Welten befanden. Oder, weil wir wussten, dass es so vielleicht auch besser war.

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Schön und traurig zugleich geschrieben. Wie ging es denn weiter mit ihr?

  

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Schöner Artikel. Manchmal ist man mit 15 erwachsener, als andere mit 30

  

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Anne: Wie ging es denn weiter mit ihr?

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Ich hab sie mal gegoogelt oder auf Facebook gesucht, aber sie ist unauffindbar.

Morten: Manchmal ist man mit 15 erwachsener, als andere mit 30

Das ist wahr.

  

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Wenn sich ein Mensch mit seinen Problemen öffnet, muss man gar nicht in diese Welt hineintauchen, es hilft manchmal auch, einfach den Menschen zu zeigen, dass es noch eine andere gibt und diesen in seine Welt mitnehmen.

  

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Chrissy: Wenn sich ein Mensch mit seinen Problemen öffnet, muss man gar nicht in diese Welt hineintauchen, es hilft manchmal auch, einfach den Menschen zu zeigen, dass es noch eine andere gibt und diesen in seine Welt mitnehmen.

Das ist leichter gesagt als getan und hält auch immer nur eine gewisse Zeit an.

  

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J:
Das ist leichter gesagt als getan und hält auch immer nur eine gewisse Zeit an.  

Das stimmt. Aber es hilft ;)

  

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Chrissy: Das stimmt. Aber es hilft ;)

Das stimmt. :)

  

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