Schreibtisch

Ich habe mir neulich meinen alten Blog als PDF ausspielen lassen. Das war irgendwie skurril, weil ich erst anhand der Einträge merke, wie ich damals noch tickte. So jung (klingt, als wäre ich steinalt, aber hey, seitdem sind knapp acht Jahre vergangen), irgendwie. Einfach mal drauf los schreiben und alles mitnehmen, was geht. Das klingt jetzt irgendwie bescheuert, und mein Alter damals mit meinem jetzigen zu vergleichen ist teilweise auch etwas naiv, irgendwann muss man ja ernster werden. (Oder? Zumindest ein Stück weit.)

Ich denke oft darüber nach, und ich stellte fest, der größte Bruch in meiner Persönlichkeit fand statt, als ich von zu Hause auszog. Ich wuchs dort einundzwanzig Jahre auf, inmitten der Menschen, die ich liebe, hatte immer jemanden um mich und war eben, wie ich war. Ehrlich gesagt habe ich mir bis dato nie Gedanken gemacht, wie ich auf andere wirke und was andere über mich denken.

Ich stand auf meinen eigenen Beinen, regelte alles alleine, das klappte auch alles super. Danke an meine Eltern für ein gesundes Maß an Selbstständigkeit. Ich regelte das mit meiner Arbeit, ich regelte das mit meinen Umzügen, ich regelte meinen Papierkram, ich regelte meine Altersvorsorge. Ich war stolz auf mich, dass alles so gut klappte, ohne es vorher jemals getan zu haben, gleichzeitig vermisste ich aber auch meine Familie, die mich irgendwie bestätigte. Das heißt nicht, dass meine Familie nicht stolz auf mich ist. Sondern einfach, dass es ab einem gewissen Alter ein Ding der Selbstverständlichkeit ist, sich um sich selbst zu kümmern und nicht alles andere machen zu lassen. Seit diesem Augenblick des Auszugs wusste ich, hey, ich muss für mich organisieren, das ist völlig normal. Da muss keiner Stolz auf Dich sein, Du tust das schließlich für Dich.

Diese ganzen Dinge haben mich zu einem ernsteren … oder sagen wir es anders: erwachseneren Menschen gemacht. Viele sagen, ich sei impulsiv, was auch stimmt, aber im Vergleich zu früher ist das gar nichts. Ich habe das Gefühl, sehr lange über diverse Dinge nachzudenken, und handle meist nach Bauchgefühl, das ist wahr. Das hat mich aber selten betrogen.

Blogtechnisch gesehen hat man diesen Umbruch natürlich auch gemerkt. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich in der Anfangsphase meines Bloggens in eine sehr gute Zeit hineingeraten bin, nämlich in die, in der Leute damals noch gar nicht wussten, was das ist. Da kam auch keiner auf die Idee, mich zu googlen, was heute ja das erste ist, was man so tut, um über jemanden mehr zu erfahren. Und ich lese das alles heute noch gerne. So schwulstig es teilweise doch war.
Ich bin dankbar dafür, einfach nur geschrieben zu haben, ohne nachzudenken, wer mich finden könnte, weil es die Art zu bloggen ist, die ich mal liebte, und der ich heute nicht mehr nachgehen “kann” oder will. Der viele heutzutage nicht mehr nachgehen. Gefühle und etwas tiefgründigere Gedanken im WWW darzustellen ist heute mehr als “verpöhnt”, weil es ja jeder nachlesen und demnach auch jeder darauf herumtrampeln kann. Oder die Angst, dass jeder nun “zu viel” weiß. Das alles trifft jedenfalls auf mich zu. Dabei würde ich oft mehr zu diesem und jenem Thema loswerden und das später auch gerne wieder nachlesen.

Was ich mit diesem Blogeintrag sagen wollte? Keine Ahnung. Ich wollte einfach mal reflektieren. Es ist nicht so, dass ich über diese Dinge nie nachdenke – im Gegenteil. Bringe es aber selten in geschriebener Form zu Wort. Ist inzwischen irgendwie ungewohnt.

flattr this!


Das selbe ging mir erst vor wenigen Tagen auch durch den Kopf, als ich mich durch alte Beiträge von mir selbst gewühlt habe (sind mittlerweile auch 7 Jahre). Immer wieder lustig und doch einiges Wert finde ich ;)

  

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Ich kann das gut nachvollziehen – auch wenn ich noch nicht ganz so lange blogge wie du und auch nicht ganz so jung war als ich angefangen habe. Aber die Tendenz ist die gleiche.

Wobei ich ja von Anfang an unter vollem Namen gebloggt habe und entsprechend weniger privat. Aber selbst das Private von damals wäre mir heute zu viel. Die alten Sachen lass ich aber so drinstehen. Ist ja auch nichts Dramatisches bzw. Intimes, nur finde ich’s heute halt nicht mehr passend sowas zu schreiben.

Mehr Einblicke in mein Seelenleben bekommt man wohl durch die politischen Einträge. Und auch da denke ich bei alten Einträge teilweise heute, dass das doch recht naiv klingt. Aber vielleicht geht das auch nur mir so. :nixwiss

  

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Das ist ja auch das Schöne, dass man sieht, wie man sich entwickelt. Das merkt man natürlich auch ohne Blog, aber unsere Erinnerung ist ja nicht fixiert sondern sehr anpassungsfähig. Weswegen man manchmal meint, dass man das doch gleich gesehen habe, dass etwas nicht klappt.

Wenn’s aber schriftlich fixiert ist, merkt man leichter, wo sich was verändert hat.

Bloggen hat auch einen anderen Vorteil, finde ich. Es stärkt den Charakter. Weil man lernt zu Dingen zu stehen, weil man sie nunmal aufgeschrieben hat.

  

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paxos: Immer wieder lustig und doch einiges Wert finde ich ;)

Definitiv.

Henning: Mehr Einblicke in mein Seelenleben bekommt man wohl durch die politischen Einträge.

:roll:

Marc: Bloggen hat auch einen anderen Vorteil, finde ich. Es stärkt den Charakter. Weil man lernt zu Dingen zu stehen, weil man sie nunmal aufgeschrieben hat.

Ja. Ich denke, das ist unter anderem das Schwerste – und wenn ich bedenke, wie oft Leute Beiträge weglöschen, scheint das nicht so einfach umzusetzen zu sein.

  

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Heya! Ich habe mir zwei Parts von Deinem Text ausgeborgt: http://muli.nl/2012/03/aufgeschnappt-verlorenes-bloggen/ – hoffe, das ist ok für Dich?

  

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Emanuel-S: hoffe, das ist ok für Dich?

Na klar. Hast doch ordentlich zitiert! :)

  

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