Wenn man Zeitschriften wie die novum oder PAGE durchblättert und sich die Arbeiten diverser Agenturen ansieht, denkt man oft: Boah, geiler Scheiß. Wenn Agenturen etwas für Unternehmen entwickeln, scheint eine die andere zu übertreffen. Geiles Briefpapier, geile Visitenkarten, geile Webseite – individuell und doch funktional. Und dafür haben sie wahrscheinlich noch zig Preise bekommen.
Das ist toll, aber für Agenturen, die jetzt nicht gerade im Medien-Rampenlicht stehen, schlichtweg nicht erfüllbar, weil Zeit und vor allem Kosten eine Rolle spielen.

Die Grundvoraussetzung für schönes Design ist die Kommunikation zwischen Agentur und Kunde. Der Kunde definiert klar, was er haben möchte und die Agentur setzt das innerhalb des vorgegebenen Corporate Designs um. Zumindest ist das der Idealfall.

Die Realität ist, dass es oft schon an der Kommunikation scheitert. Der Kunde weiß eigentlich gar nicht, was er möchte, will Vorschläge, die oft abgelehnt werden, weil die Agentur eben nichts umsetzen kann, was nie genau definiert wurde.
Ist es dann mal so weit, dass der Grafiker weiß, was er machen muss, ist es manchmal schwierig, dem Kunden das eigene CI näher zu bringen. Es ist zwar für uns selbstverständlich, das CI des Unternehmens zu kennen, andererseits kann man nicht unbedingt voraussetzen, dass der Kunde weiß, wie es funktioniert. Besonders hier ist die Kommunikation zwischen dem Kundenberater und dem Kunden sehr wichtig, da er vermitteln muss, was geht und was nicht. Es ist nicht damit getan, dass man sagt, dass das CI das Auftreten nach außen vorgibt – man muss den Kunden oft (!) regelrecht davon überzeugen.
Bei Printprodukten wird am meisten reduziert: Sprach man anfangs noch davon, ein besonderes Format zu nehmen, zu lackieren, zu prägen und mit Sonderfarben zu arbeiten, wird es am Ende halt doch das vierfarbige DIN-Lang-Format. Aus Kosten- oder Zeitgründen.

Ich als Part in der Grafik habe schon früh festgestellt, dass persönlicher Geschmack selten eine Rolle spielt, dass Entwürfe, an denen man lange saß, einfach mal so abgeschossen werden und dass “Kreativität”, wie man es oft schön betont, nicht bei jedem Gestalter “einfach da ist”, sondern tatsächlich auf so etwas wie Erfahrung basiert. Es ist schwer, den Grat zwischen Spaß an der Arbeit und funktionalem Design zu gehen, ohne dabei auszuflippen.
Das heißt nicht, dass Arbeit keine Spaß macht – ganz im Gegenteil, die Herausforderung ist dabei ja, so zu planen, dass alles klappt. Bei meiner Arbeit steht Gestaltung längst nicht mehr ganz oben. Viel mehr die Organisation, das Verständnis für den Kunden, die Kommunikation und die Fähigkeit, aus Endverbraucher-Sicht das Produkt, das man entwirft, zu betrachten. Dann erst kommt der kreative Part.

Deswegen beurteile ich Produkte heute ganz anders als früher. Wenn ich heute an einem Plakat vorbeigehe und denke, “boah, wie kann man eigentlich so etwas Furchtbares produzieren?”, weiß ich, welche Faktoren in so einem Fall zusammenspielen können und verkneife mir in dem Moment jegliche Bewertung.

Schönes Design ist nämlich nicht immer so realisierbar, wie man es sich manchmal wünscht.

flattr this!


amen ^^. ich bin von der ausbildung her mathematiker und arbeite in einem forschungsinstitut. meine arbeitsgruppe liefert hard- und software-systeme, die ‘irgendwas-was-ich-hier-nicht-sagen-will’ tun und baut sie in die kundenproduktion ein. da dem kunden etwas zu verkaufen, mit dem er auch nach der projektphase noch gern weiterarbeitet und mit dem er rundum zufrieden ist, ist schlichtweg unmöglich, wenn man sich genau an das vorher ausgearbeitete konzept und den projektplan hält. erforderte skills: sozialkompetenz etc., gute kommunikation und das ganze zeugs.

nicht nur nach dem lesen deines artikels denke ich, daß das überall so ist. und wer ist dafür ausgebildet? niemand. wenige. also los, laß’ uns in die lücke preschen!1elf ;)

  

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No offense, aber ich habe schon oft genug den Kopf über Grafiker, Typofuzzis und Designer geschüttelt, die allen Ernstes meinen, ihr Schaffen wäre künstlerisch wertvoll oder gar Kunst. Das kann es sein, aber grundlegend für diese Art von Arbeit ist immernoch der Kundenwunsch, es handelt sich also doch wohl eindeutig um eine Dienstleistung.

Und wenn Kunde Paul Planlos eben weder Geschmack noch Ahnung hat und außerdem nicht einsieht, daß gute Arbeit ganz einfach kostet, dann kommen dabei Produkte heraus, die aussehen wie der Speisekartenflyer vom Chinaimbiss nebenan.

Rebhuhns Beispiel zieht hier nicht wirklich, denn bei Hard- und Software haben die Entscheider im Normalfall zumindest ein bißchen Peil von der Materie. Grafik, Typo und dergleichen dagegen werden von ganz anderen Leuten “gekauft”, und wer Typo kann, macht sie sowieso selbst.

Im Übrigen kann ich mich mit Deinem vorletzten Absatz nicht einverstanden erklären. Es gibt Dinge, design müssen. Und es gibt Dinge, die nicht sein dürfen.

  

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Passend dazu: How Projects Really Work

  

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Ja, das kenne ich aus der Hochzeitsfotografie. Da heißt es oft: Hauptsache billig, die Hochzeit selber ist schon teuer genug.
Und dabei vergisst man, dass es gerade die Hochzeitsfotos sind, die einem nach diesem Tag noch bleiben. Und dass man gerade da investieren soll, wenn der Tag noch lange nachwirken soll.
Wahrscheinlich ist es im Bereich Grafikdesign sehr ähnlich. Viele Kunden verkennen ein gescheites CI. Vergessen, was für eine Außenwirkung eine Visitenkarten, das Briefpapier oder die Werbebroschüre hat. Und dann wird “husch husch” gemacht, Hauptsache günstig. Und eigene Ideen werden auch nicht eingebracht, weil man sich gar nicht richtig Gedanken darüber macht, was man beim Kunden eigentlich auslösen will. Das Problem wird auf den Designer abgewälzt.
Leider zieht sich das durch die meisten kreativen Berufe, die Beratungsresitenz. Schade! Wirklich schade!

  

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Oh du sprichst mir so aus der Seele. So. Sehr.
Mit dem Unterschied, das ich bei schlecht gestalteten Dingen bisweilen denke: der Kunde hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Aber manchmal ist es halt auch Nephew Art……;D

  

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rebhuhn: nicht nur nach dem lesen deines artikels denke ich, daß das überall so ist. und wer ist dafür ausgebildet? niemand.

Man geht anfangs auch mit einem blumigen Denken an die Sache. Nun ja. Nicht lang jedenfalls.

beeblebrox: No offense, aber ich habe schon oft genug den Kopf über Grafiker, Typofuzzis und Designer geschüttelt, die allen Ernstes meinen, ihr Schaffen wäre künstlerisch wertvoll oder gar Kunst. Das kann es sein, aber grundlegend für diese Art von Arbeit ist immernoch der Kundenwunsch, es handelt sich also doch wohl eindeutig um eine Dienstleistung.

Mmmhkay. Kunst ist für mich grundlegend etwas anderes als Design. Kunst ist für mich etwas, das keinen konkreten Zweck erfüllt, sprich: es ist eigentlich nicht nötig. Design ist Zweck.
Aber es gibt solche und solche – jedenfalls wird man im Arbeitsleben dann spätestens geerdet.

beeblebrox: Und wenn Kunde Paul Planlos eben weder Geschmack noch Ahnung hat und außerdem nicht einsieht, daß gute Arbeit ganz einfach kostet, dann kommen dabei Produkte heraus, die aussehen wie der Speisekartenflyer vom Chinaimbiss nebenan.

Nun ja, deswegen hat man einen Kundenberater. Und wenn der gut ist, kommt auch keine Scheiße dabei heraus, zumindest in den meisten Fällen.
Und ganz ehrlich – Imbissflyer sind eben nun mal so. Deswegen will sie auch jeder so haben. ;)

Northern Shadows: Wahrscheinlich ist es im Bereich Grafikdesign sehr ähnlich. Viele Kunden verkennen ein gescheites CI. Vergessen, was für eine Außenwirkung eine Visitenkarten, das Briefpapier oder die Werbebroschüre hat.

Bei Kleinunternehmen, die nie viel damit zu tun haben, sage ich: okay, kann man nicht wissen. Muss man sich eben einführen lassen. Bei Großunternehmem geht es aber gar nicht, dass man in der Marketingabteilung nicht weiß, was CI bedeutet.
Auch bei Privatpersonen sage ich – kenne sie ja nicht. Daher haben sie auch keinen großen Anspruch, das müssen sie eben erst kennen lernen. :)

Anna: Oh du sprichst mir so aus der Seele. So. Sehr.

:daumen

  

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Ja, ja, ja, vieles von dem oben kann ich sehr gut nachvollziehen (auch wenn ich ja mit Design eigentlich nichts am Hut habe, sondern vom Kundenberater alias Account-Manager zum Fachabteilungsleiter – und damit zum Teil auch wieder Berater), aber letztlich ist es auch wichtig, dass man irgendwo eine Grenze hat, wo man dem Kunden definitiv sagt, dass es so nicht geht und es eben so auch nicht umsetzt.

Bei den typischen Imbiss-Flyern bin ich übrigens ziemlich sicher, dass da nie ein Mensch mit gestalterischer Ausbildung draufgeguckt hat. Jedenfalls nicht vor dem Druck.

  

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beeblebrox: Das kann es sein, aber grundlegend für diese Art von Arbeit ist immernoch der Kundenwunsch, es handelt sich also doch wohl eindeutig um eine Dienstleistung.

Da muss ich als Mini-Germanistin in Ausbildung sagen: Ästhetik und Moral sind zwei verschiedene paar Schuhe. Walther von der Vogelweide ist das Sinnbild für die Blüte der deutschen Kultur im Mittelalter. Möchtest du seiner politischen Dichtung tatsächlich künstlerischen Wert absprechen, nur weil es Auftragsarbeiten waren, die teils noch nicht einmal seine persönliche Meinung widerspiegeln?

Was ich mich ja viel mehr Frage: Wie lang kann man diesen Zwist aus persönlichem Gefallen und Kundenwunsch eigentlich überwinden, ohne durchzudrehen?
Ich warte quasi jetzt schon auf den Tag, an dem ich vor einer Deutschklasse im Literaturunterricht komplett ausraste. Immerhin werde ich großteils leseunlustige Jugendliche dazu zwingen müssen, sich durch Bücher zu lesen und dazu Gedanken zu machen, die ich selbst nicht mag (“die ich selbst für Schund halte” klingt etwas hart… Goethe ist kein Schund, aber auch definitiv nichts, was ein Jugendlicher im heutigen Deutschland gelesen haben muss, um überleben zu können).

  

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Christin: Goethe ist kein Schund, aber auch definitiv nichts, was ein Jugendlicher im heutigen Deutschland gelesen haben muss, um überleben zu können).  

Manchmal hilft es aber auch, bei Zweifeln an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns eben den angenommenen Sinn nochmal grundsätzlich zu überdenken.

Ich würde nämlich nicht sagen, dass es in der Schule ums “Überleben” gehen sollte. Deutschunterricht in höheren Klassen dürfte ganz andere Ziele haben.

Es kann dann allerdings immer noch rauskommen, dass Goethe nicht das richtige Mittel zu diesen Zielen ist. Wenn man davon sehr überzeugt ist und es einem wichtig ist, sollte man dann versuchen, Änderungen am Lehrplan zu bewirken.

  

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Christin: Da muss ich als Mini-Germanistin in Ausbildung sagen: Ästhetik und Moral sind zwei verschiedene paar Schuhe.

Mal langsam. Ästhetik und Moral – warum auch immer Du mich jetzt mit diesen beiden Schlagworten bewirfst – sind weder für Dienstleistungen noch für Kunst in irgendeiner Art und Weise exklusiv. Interessanterweise hast Du den Teil mit “das kann es sein” geflissentlich ignoriert. Als Resultat des Ganzen verstehe ich absolut nicht, was Du mir mit diesem Satz sagen möchtest.

Christin: Walther von der Vogelweide ist das Sinnbild für die Blüte der deutschen Kultur im Mittelalter. Möchtest du seiner politischen Dichtung tatsächlich künstlerischen Wert absprechen, nur weil es Auftragsarbeiten waren, die teils noch nicht einmal seine persönliche Meinung widerspiegeln?

Nochmals: Dienstleistungen und Auftragsarbeiten können künstlerisch wertvoll sein, aber sie sind es keinesfalls grundsätzlich. Nebenbei bemerkt dürfte der gute Walter nicht umsonst für seinen Minnesang berühmt sein – und nicht für seine “politische” Dichtung. Weiterhin finde ich es absurd, von einer “Blüte der deutschen Kultur im Mittelalter” zu sprechen, weil in meinen Augen außer Kirchendogmen, Aberglauben, Ablaßhandel und diversen Seuchen in Europa absolut garnichts geblüht hat, ganz davon abgesehen das “deutsch” zu diesem Zeitpunkt etwas sehr wohlwollend ist.

Christin:Was ich mich ja viel mehr Frage: Wie lang kann man diesen Zwist aus persönlichem Gefallen und Kundenwunsch eigentlich überwinden, ohne durchzudrehen?

Natürlich – und zwar indem man einsieht, daß der Kundenwunsch grundsätzlich vorgeht, so mies er auch sein mag.

Zum Thema Goethe: Wie man als Germanistin / Deutschlehrerin von den beiden Goetheschen Schwergewichten Faust und Prometheus nicht fasziniert sein kann, geht über meinen Horizont. Ich als Laie betrachte diese beiden Werke nicht als “Sturmgeschütz” der deutschsprachigen Literatur, sondern schon eher als Belagerungsartillerie – es gibt einfach nichts Größeres. Vielleicht scheitert mein Denkmodell da aber an den mittlerweile veränderten Anforderungen für Deutsch in der Sekundarstufe II, wer weiß …

  

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Schön geschrieben und schön, dass es mal jemand aufgeschrieben hat. Kompliment!

  

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Lästige Realitäten in schöne Worte gepackt. Das ganze kommt mir sowas von bekannt vor. “Hast du Texte? Bilder? Eine Freigabe?” – “Nein, aber mach schon mal fertig.”

  

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